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Vom Hobby zum Chocolatier – Teil 3 Meisterprüfung für Quereinsteiger

Um seine Kuchen, Torten, Cookies, Brote oder Pralinen verkaufen zu dürfen, muss man eigentlich eine Konditor Meisterprüfung abgelegt haben. EIGENTLICH. Es gibt aber auch noch eine andere, etwas einfachere Möglichkeit. Unsere Bürokratie hat sich dafür ein keckes Wort ausgedacht!

Als ich entschieden habe aus meinem Hobby ein professionelles Business zu machen, wusste ich schon, dass ich theoretisch gelernter Konditor mit Meister sein müsste um meine Produkte legal verkaufen zu können, da Konditor ein meisterpflichtiges Handwerk ist. Gleichzeitig stand für mich fest, dass eine weitere Ausbildung nicht in Frage kommt, zumal ich ja nur einen Teilbereich des Konditorenhandwerks ausüben wollte. So wie mir damals, geht es, wie ich immer wieder feststelle, vielen! Die wenigsten haben die Möglichkeiten und wenn wir mal ganz ehrlich sind noch weniger Lust, nochmal von vorne anzufangen und eine komplett neue Ausbildung zu machen. Man hat sich mit den Jahren ja auch einen Lebensstandard geschaffen den man halten möchte.

Bei meiner Recherche, wie all die anderen Quereinsteiger das denn gemacht haben, erfuhr ich, dass man sich auf einen Teilbereich des Konditorenhandwerks spezialisieren und in diesem Bereich eine Meisterprüfung ablegen kann, wenn es nicht zumutbar ist nochmals eine komplette Ausbildung zu durchlaufen. Unsere Bürokratie hat sich dafür ein keckes Wort einfallen lassen, denn man ist auf dem Papier nach einer solchen Prüfung kein ‚Meister im Bereich XY‘, sondern man hat eine ‚Ausnahmebewilligung‘.

Kuvertüre Valrhona Dulcey Konditor Quereinsteiger Meisterprüfung

BÄÄM! Da saß ich, mit meinem kleinen, romantischen, schokoladenbraunen Traum im Kopf, sah mich mit Schürzchen zur Filmmusik von Chocolat in meiner hübschen Schokoladenküche herumtänzeln, eine Prise hier, ein Schüsschen da, Träumchen aus Schokolade zaubernd, bis mir dieses hässliche Wort unterkam und ich mich wie eine geduldete Aussätzige fühlte. Mal ehrlich, das hört sich doch nach Chocolatier auf Bewährung an, oder? Aber gut, letztlich ist es ja egal wie es heißt, hauptsache es funktioniert.

Wenn ihr euch stolz ‚Ausnahmebewilligter‘ nennen wollt, habe ich euch hier Informationen zusammen gestellt, wie das Prozedere bei mir abgelaufen ist. Seid euch bitte bewusst, dass die Meisterprüfung bei mir jetzt schon sieben Jahre her ist und es sicherlich auch Unterschiede von Bundesland zu Bundesland gibt. Bei mir war die zuständige Behörde die Handwerkskammer Mannheim, also Baden-Württemberg.

  1. Kontaktiert die für euch zuständige Handwerkskammer und meldet an, dass ihr eine Ausnahmebewilligung im Bereich X benötigt. Ich wurde damals kurz darauf von dem für mich zuständigen Prüfer kontaktiert um ein erstes Gespräch zu vereinbaren. Er gibt euch dann alle nötigen Infos zum Ablauf der Prüfung.
  2. Auf die Prüfung müsst ihr euch komplett selbst vorbereiten. Es gibt einen Termin für die theoretische schriftliche und einen für die praktische Prüfung den ihr selbst festlegen könnt. Ich habe mir eigentlich meine komplette Vorbereitungszeit für die Theorie eingeplant, im praktischen Teil war ich durch die viele Übung schon bestens vorbereitet. Für die Theorie gibt es gute Fachbücher, die Lehrlinge in ihrer Ausbildung zum Konditor nutzen.Überwiegend habe ich mit diesen beiden Büchern gearbeitet:Konditor/Konditorin Prüfungswissen handlungsorientiert von Hans Hager & Josef Loderbauer
    Das Konditorbuch von Josef LoderbauerAls Ergänzung habe ich mir noch diese hier angeschafft:Der Junge Konditor Band 1 von Egon Schild
    Der Junge Konditor Band 2 von Egon Schild

    Die zu lernenden Kapitel erschließt ihr euch am besten logisch. Mit welchen Rohstoffen arbeitet ihr? Wisst ihr schon alles, was in den Kapiteln Nährstoffe, Hygiene etc beschrieben ist? Für mich war es beispielsweise irrelevant etwas über Hefe oder Teige zu lernen. Dafür gehörten unter anderem Milchprodukte und Kakao zu meinen Kapiteln.

  3. Die Kammer meldet euch auch noch zu einem Existenzgründer Seminar an. Das war bei mir Pflicht und ging einen Tag lang.
  4. Nach der Prüfung müsst ihr euch noch in die Handwerksrolle eintragen lassen und könnt starten.

Natürlich ist die Prüfung und all die Bürokratie die daran hängt mit Kosten für die Handwerkskammer verbunden die auf den Prüfling umgelegt werden. Rechnet also mit etwa 1500 EUR bis ihr in die Rolle eingetragen seid.

Ich weiß, dass jetzt sicherlich der eine oder andere die Hände über dem Kopf zusammen schlägt und sagt ‚Das ist ja super teuer und ein mega Akt und laufende Kosten für die Kammerbeiträge habe ich auch noch und …!‘

Du kannst alternativ dazu natürlich auch einen Konditormeister suchen der für dich die Hand ins Feuer legt und für deine Fähigkeiten bürgt, wie für einen Mitarbeiter sozusagen. Aber will man das? Und findet man so jemanden? Wie ernst ist es dir denn mit dem was du vorhast? Willst du das nur eine Weile machen, um die Kosten für dein Hobby wieder reinzuholen? Dann wird es schwierig, denn die Genehmigung braucht man nun mal …

Bedenke, dass die Erlaubnis deine Produkte herzustellen ja auch ‚nur‘ der Grundstein ist. Dann geht es ja weiter mit einer gewerblichen Küche nach Hygienestandards. Oder du mietest dich in einem laufenden Betrieb ein. Ich habe damals noch im Hotel gearbeitet und hatte das große, große Glück in der ersten Zeit die dortige Küche nutzen zu dürfen. Aber glaubt mir, das ist keine Dauer- sondern eine Übergangslösung, ich habe mir schnell etwas eigenes gesucht.

Und ist es denen, die eine dreijährige Ausbildung gemacht und dann noch einen Meister drangehängt haben gegenüber nicht nur mehr als Fair, dass anderen dasselbe in angemessener Weise abverlangt wird? Wieso sollte denn der Quereinsteiger anders behandelt werden als der Geselle?

Pralinenküche Produktion Schokolade Meisterprüfung Konditor Quereinsteiger

Meine persönliche Meinung? Dem Konditormeister gegenüber finde ich es nur mehr als Fair, dass auch Quereinsteiger geprüft werden. Warum allerdings Koch im Gegenzug nicht auch ein meisterpflichtiger Beruf ist und warum der Betreiber einer Eisdiele keine Prüfung ablegen muss, der Betreiber eines Döner Imbiss der sein eigenes Brot backen möchte aber schon, das erschließt sich mir nicht!

Und die Bezeichnung ‚Ausnahmebewilligung‘, die finde ich nach wie vor nicht so charmant … Aber naja, ich stand auch nie zu Chocolat Musik tänzelnd in einer hübschen Schokoladenküche – die habe ich dann doch lieber praktisch eingerichtet!

süße Grüße, Sandra

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